[Leben] >Gastpost< Schwangerschaft mit der Diagnose Gastroschisis #1

Caro hat heute einen etwas anderen Gastpost für euch. Nachdem sie euch hier bereits etwas über Stoffwindeln erzählt hat, geht es heute um ihre Schwangerschaft mit ihrem zweiten Kind.
Es kam alles anders als erwartet und plötzlich stand eine Diagnose im Raum: Gastroschisis. Was das ist?

Die Gastroschisis (deutsch auch Bauchspalte genannt, griechisch γαστροσχίσις, von gástro~, „Magen~, Bauch~“ und s-chísis/s-chísma, „die Spaltung“) wird eine vorgeburtlich (pränatal) spontan entstehende meist rechts vom Nabelgelegene Fehlbildung der Bauchwand mit Vorfall von Darmschlingen beim Fetus bezeichnet. Die Besonderheit wird oft mittels Feinultraschall im Rahmen von Pränataldiagnostik diagnostiziert und ist nachgeburtlich (postnatal) in den meisten Fällen operabel.“ (Quelle: Wikipedia)

Im nächsten Teil erzählt euch Caro wie es weiterging. 


Die Feindiagnostik steht an

Donnerstag Nachmittag, wir sitzen im Warteraum des Frauenarztes, bei dem wir schon letztes Jahr die Feindiagnostik für unseren Sohn hatten. Ich fülle ein Formular aus, dass bei diesem Screening möglicherweise Diagnosen gestellt werden, die zu Gewissenskonflikten führen können. Ja, das ist mir bewusst. Aber sowas passiert uns nicht. Bei uns ist alles gut, denke ich. Denkt das nicht jeder?

Dann sind wir im Behandlungszimmer, halten ein Pläuschchen mit dem Arzt. Ich mag ihn, er hat eine sehr offene und witzige Art, ist immer für einen Scherz aufgelegt. Ich lege mich auf die Liege, er fängt mit dem Ultraschall an. Er reißt weiter seine Witze. Dann sein Tipp zum Geschlecht. Ein Junge. Nanu, haben wir nicht bisher zweimal gehört, es sollte ein Mädchen werden. Er revidiert seinen Tipp. Doch plötzlich ist jeglicher Witz und Freude aus seiner Stimme verschwunden.

„Ihr Baby hat ein Problem“

„Ihr Baby hat ein Problem.“ BÄM! Es hat mich wie ein Schlag getroffen. Unser Baby? Nein, niemals. Uns trifft doch sowas nicht. Ich hoffte immer noch, er machte einen Witz oder es war irgendeine Lapalie. „Das Kind hat eine Bauchspalte.“ Eine was? Was ist das? Welche Auswirkungen hat das? Wie schlimm ist so eine Bauchspalte? Tausend Fragen rasten mir in diesen wenigen Sekunden durch den Kopf. „Sehen Sie diese Blumenkohlartige Auswölbung? Das ist ein Teil vom Darm, der durch die offene Bauchdecke nach außen tritt. Das nennt sich Gastroschisis.“

Gastroschisis

In mir brach eine kleine Welt zusammen. Aber ich wollte stark sein, wollte keine Tränen vergießen. Also biss ich die Zähne zusammen und hörte zu, was er uns sonst noch erzählte. Es wäre alles nicht so schlimm, kein Grund für einen Schwangerschaftsabbruch, gut zu operieren und meist folgenlos für das Kind. Er schallte noch ein wenig weiter, maß hier etwas und dort. Ich bekam alles nur noch wie in Trance mit. Meine Gedanken kreisten nur noch um mein Baby.

Gastroschisis

Wir bekamen also eine Überweisung zum Spezialisten. Der Arzt rief direkt dort an, um einen Termin auszumachen, da er die Handynummer hatte. Mein Mann saß die ganze Zeit wortlos neben mir. Er griff meine Hand und schaute mich an. Das war der Moment in dem ich einfach nicht mehr stark sein konnte und meinen Gefühlen und meinen Tränen das erste Mal einfach freien Lauf lassen musste. Der Arzt erzählte uns noch etwas von den guten Prognosen und versuchte uns Hoffnung zu machen. Aber für mich stand in dem Moment einfach erstmal nur diese Diagnose im Raum. Dick und fett. GASTROSCHISIS. Und alles was damit verbunden war. Engmaschige Kontrollen. Kaiserschnitt. Sofortige Operation. Wochenlanger Krankenhausaufenthalt.

Ich wollte einfach nur noch raus. Zum Auto, wo ich meine Tränen hemmungslos laufen lassen konnte. Da saßen wir nun im Auto. Mein Mann nahm mich in den Arm, versuchte mich zu trösten. Sagte mir, wir schaffen das. Doch ich wusste einfach nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. Einige Zeit weinte ich einfach weiter. Aber ich musste stark sein, zu Hause wartete immerhin mein kleiner Sonnenschein auf mich, der all das natürlich noch gar nicht versteht.

Ich machte direkt am nächsten Tag einen Termin bei meiner Frauenärztin, denn eigentlich war nun auch meine Elternzeit vorbei und ich sollte bereits in der nächsten Woche wieder anfangen zu arbeiten. Mit meinem Gefühlszustand nach dieser Diagnose konnte ich mir das allerdings zu diesem Zeitpunkt beim besten Willen nicht vorstellen.

Gefühlschaos

Ich brauchte ein, zwei Wochen um diese ganzen neuen Gefühle zu verarbeiten und das Ganze rational betrachten zu können. Meine Frauenärztin erteilte mir ein sofortiges Beschäftigungsverbot aufgrund seelischer Belastungen. Sie war zudem der Meinung, die vielen kommenden Termine wären nicht mit einem Job vereinbar. Und sie sollte recht behalten. Ich wusste bis dahin noch nicht, was da auf mich und meinen Mann zukommen würde.

Es folgten Kontrolltermine im Rhythmus von zwei Wochen, immer im Wechsel beim Feindiagnostiker und im Krankenhaus, in welchem ich vermutlich auch entbinden und meine Tochter operiert werden würde. Zusätzlich jeweils zwischen diesen Terminen alle zwei Wochen ein Termin bei meiner Frauenärztin zur allgemeinen Kontrolle. Das heißt, im Grunde war ich fast jede Woche beim Ultraschall.

Ich hatte mich zwischenzeitlich mit der Diagnose abgefunden. Ändern konnten wir es ja sowieso nicht mehr, also machten wir das beste daraus und steckten alle Kraft in unsere kleine Tochter. Wir hatten Glück, dass sich die Gastroschisis nicht verschlimmerte und so hangelten wir uns von Woche zu Woche, immer mit der Hoffnung, sie könne noch so lange wie möglich in meinem Bauch bleiben.

Jede Woche zählt

Mittlerweile waren wir in der 36. SSW angekommen und somit so viel weiter, als ich jemals gerechnet hätte. Wir wussten, dass nun solangsam die Entbindung näher rücken würde. Ich versuchte mich noch immer an den Gedanken eines Kaiserschnittes zu gewöhnen. Von meinem Traum einer ambulanten Geburt hatte ich mich schon lange verabschiedet. Eine natürliche Geburt wäre rein theoretisch zwar möglich, wird aber aufgrund der sofortigen Operation von meinem nicht Arzt empfohlen.

Beim nächsten Termin im Krankenhaus hieß es vom Chefgynäkologen er müsse noch Rücksprache mit der Kinderchirurgin halten, ob und wann der Kaiserschnitt nun geplant werden müsste. Ostern stand an, ich war guter Dinge, dass ich erst danach ins Krankenhaus müsste. Bereits einen Tag nach unserem Termin bekam ich einen Anruf von der Kinderchirurgin, die mir berichtete, dass sie eine Verdickung einer Darmschlinge sehen würden und kein Risiko eingehen wollen. Ich sollte mich bitte noch am selben Tag ins Krankenhaus einweisen, der Kaiserschnitt würde für den morgigen Vormittag angesetzt.

BAM! Und wieder fiel ich in ein tiefes Loch. Ich hatte zwar lange genug Zeit, mich mit dem Kaiserschnitt und der darauffolgenden Zeit auseinanderzusetzen und mich darauf vorzubereiten. Aber das ging mir dann doch zu schnell. Ich dachte, ich hätte noch ein paar Tage. Könnte Ostern zu Hause mit meinem Mann und meinem Sohn verbringen und nun sollte meine Tochter bereits morgen geholt und operiert werden? Dafür war ich noch nicht bereit, aber ich vertraute den Ärzten. Also rief ich meinen Mann an, dass er nach Hause kommt. Wir organisierten noch eine Betreuung unseres Sohnes durch meine Schwiegereltern und schon waren wir auf dem Weg ins Krankenhaus. Dort angekommen, konnte ich nach einigem Hin und Her endlich mein Zimmer beziehen, welches ich mir mit einer Frau teilte, welche vorzeitige Wehen hatte. An diesem Nachmittag habe ich noch mit vielen Ärzten gesprochen, über den Kaiserschnitt, die Spinalanästhesie, die Operation meiner Tochter und ihrer Verlegung auf die Neo-Intensivstation. Am Abend fiel ich völlig erschöpft ins Bett und konnte doch nicht schlafen. Zu groß war die Aufregung vor dem kommenden Tag.

Ich hatte die Nacht irgendwie überstanden. Mein Mann brachte den Großen in die Kita und machte sich danach sofort auf den Weg zu mir. Ich wurde derweil schon einmal für den Kaiserschnitt vorbereitet und bekam wunderschöne Thrombosestrümpfe an. Die Uhrzeit für die sectio wurde ständig verschoben, mal nach hinten, dann wieder nach vorne. Meine Zimmernachbarin machte sich gerade auf den Weg zum Frühstück, als ich ein letztes Mal ins Bad gehen wollte. Sie kam nach wenigen Minuten zurück, setzte sich auf ihr Bett und schaute mich erschrocken an. Ihre Fruchtblase sei eben geplatzt. Ich war selbst aber gerade mit meinen Gedanken völlig woanders und plötzlich stand auch schon eine Schwester im Zimmer und sagte zu mir, es ginge jetzt los. Meine Zimmernachbarin sollte ihren Sohn noch am selben Tag bekommen.

Der Tag ist gekommen

Ich wurde samt Bett in den Kreißsaal geschoben, wo mich bereits eine Hebamme erwartete und noch einmal ein CTG schrieb. Sie bot mir auch einen – wie sie ihn nannte – Leck mich Schnaps an, den ich dankend annahm. Ich war so wahnsinnig nervös und hatte große Angst vor dem Eingriff. Ich fragte die Hebamme, ob mein Mann mit in den OP dürfe, doch das müsste der Chirurg entscheiden. Ich bekam meinen Schnaps – der scheußlich schmeckte – und schon kam auch die Chirurgin, um mich abzuholen. Ich fragte erneut, ob mein Mann mich begleiten dürfe. Und dann kam die wohl schrecklichste Antwort, die ich mir hätte vorstellen können. Nein. Das kann er nicht. Es ist kein gewöhnlicher Routine Eingriff, sie können es nicht riskieren, dass etwas schiefgeht und den Ablauf stört. Ich brach völlig zusammen, fing an zu weinen. Und wurde in den OP geschoben. Dort wurde mir noch die Spinalanästhesie verabreicht und es ging los. Ich kam nicht zur Ruhe, obwohl ich ein wirklich tolles Team um mich hatte, was sich sehr gut um mich gekümmert hat. Da lag ich nun wie ein Häufchen Elend während der erste Schnitt gemacht wurde. Ich werde und möchte gar nicht zu sehr ins Detail gehen – jeder empfindet so eine OP sicherlich anders – für mich war es eine der schlimmsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben bisher machen musste.

Sie sieht wunderschön aus, sagte die Hebamme!

Es dauerte nicht lange und ich hörte den ersten Schrei meiner Tochter. Ich durfte sie nicht sehen. Sie wurde sofort bis zu den Achseln in einen Plastiksack gesteckt und kam auf die Neo-Intensivstation zu den Kinderärzten und -chirurgen, um für ihre OP vorbereitet zu werden. Meine Wunde wurde genäht, danach wurde ich zurück in den Kreißsaal zur Hebamme und meinem Mann gebracht. Wir blieben noch eine Weile dort zur Beobachtung. Einer der Kinderärzte holte meinen Mann ab, damit er kurz zu unserer Tochter konnte, bevor sie operiert wurde. Währenddessen stand die Hebame neben mir, lächelte mich an und sagte zu mir „sie sieht wunderschön aus“.

Alles Liebe,
Caro

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