[Leben] Sprachnavigation am Parkautomaten – Liebe ist stärker als Hass

In der Stadt angekommen parke ich das Auto und gehe ausnahmsweise zum Ticketautomaten. Auf der Suche nach Kleingeld ertönt eine Männerstimme, die mir die Parkpreise aufsagt und mir erzählt, welche Münzen der Automat annimmt.

Geld für ein Brötchen?

Ich blicke von meinem Portemonnaie nach oben und sehe den freundlich lächelnden, bärtigen Mann, mit schwarzen fettigen Haaren und einem kaputten Shirt auf einem Geländer sitzen. Direkt neben dem Parkautomaten. Ich lächle zurück und bedanke mich für die vielen Informationen. Er sehe das als eine Art Arbeit an. Schließlich sei alles viel zu klein geschrieben, das könne man ja kaum lesen. Er habe sich schon ausgiebig damit befasst, deswegen hilft er nun gern. Dafür fragt er, ob ich Geld für ein Brötchen im Gegenzug für ihn habe. Tatsächlich hatte ich gerade zuvor mein letztes Kleingeld in den Automaten geworfen. Als ich ihn fragte, ob er in einer Stunde noch dort sitzen würde, guckte er etwas skeptisch und ich verabschiedete mich mit den Worten: Bis später!

Während ich ein paar Erledigungen machte, dachte ich darüber nach. Er sprach mich nun einmal direkt an, was ich überhaupt nicht schlimm fand. Er war schließlich freundlich. So genau wie er mir jeden Stundentarif des Parksystems sagen konnte, wird er das nicht zum ersten Mal gemacht haben und ich glaube ihm, dass er das tagtäglich tut. Doch mit Sicherheit wird nicht jeder freundlich oder überhaupt darauf reagieren. Aber warum eigentlich? Sind wir besser gestellt? Nein, ganz sicher nicht. Ich weiß nicht wieso dieser Mensch dort sitzen muss, was ihm widerfahren ist, aber ich stelle mich nicht über ihn.

Nachdem ich meine Sachen erledigt hatte, machte ich mich auf den Rückweg zum Auto. Ich wusste, dass ich an einem Bäcker vorbeikommen würde und machte dort Halt. Ich kaufte ein belegtes Brötchen mit Käse, einen Kaffee und nahm Milch und Zucker extra mit. Angekommen am Auto entdeckte ich den Mann. Kurzer Blick auf die Uhr. 1 Stunde und 15 Minuten später. Er war da. Ich überreichte ihm Kaffee und Brötchen und wünschte ihm einen schönen Tag. Er bedankte sich  und wusste gar nicht was er sagen soll. Ich habe mich nicht getraut ihn zu fragen, warum er hier sitzt. Es wird einen Grund haben. Zurück am Auto sehe ich im Rückspiegel wie er weghumpelt – mit einem Lächeln im Gesicht.

Liebe ist stärker als Hass

Liebe ist stärker als Hass

Gestern las ich den Artikel von Anna, indem sie von einer Frau schrieb, die auf einer Parkbank schlief. Erst da dachte ich: vielleicht sollte ich auch mein Erlebnis aufschreiben. Vielleicht ermutigt es auch Andere, nicht mit Vorurteilen behaftet durch die Welt zu laufen oder in allem das Böse zu sehen. Und dann kam München. Ein weiterer Anschlag, der sich in eine Riege einreiht, der sprachlos macht, ich mich vor dem Fernseher wiederfand und dachte: Wie wird es meinen Kindern einmal gehen? Und deswegen erzähle ich euch erst Recht von meiner persönlichen Sprachnavigation am Parkautomaten. Es sind die für uns kleinen Dinge, die anderen Menschen Zuversicht bieten.  Vertrauen fällt nicht leicht, aber deswegen darf man nicht in allem das personifizierte Böse sehen oder sich gar verkriechen. Ich habe nicht eine Sekunde lang gezweifelt, ob mir der Mann vom Parkplatz die Wahrheit sagt oder nicht. Denn es würde für mich nichts ändern. Das mag naiv klingen, aber: jeder von uns ist irgendwann auf Hilfe angewiesen und wünscht sich, dass man sie auch erhält, ohne in Frage gestellt zu werden. Da braucht es vielleicht mehr als einen Kaffee und ein Käsebrötchen. Aber die Geste zählt und das Aufzeigen, man nimmt den Anderen ernst. Liebe ist stärker als Hass.

Alles Liebe,
Tanja

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5 comments

    Für diesen freundlichen unaufdringlichen Service würde ich ihm auch etwas geben. Es mag schwarze Schafe unter Bettlern geben, aber ich selbst möchte auch nicht durch die Welt gehen oder überall Lug und Betrug sehen. Man kann sich jeden Tag neu entscheiden Angst oder Vertrauen zu haben. Liebe Grüße, Ella

    Jemandem etwas abzugeben, ohne dass man muss, macht ja auch unbeschreiblich glücklich. Mein Freund und ich haben einmal einem Obdachlosen, der Kleingeld wollte, das übrige Weihnachtsessen meiner Mutter, das sie uns eingepackt hatte, gegeben, weil wir nicht gerne Geld geben. Der Mann hatte Tränen in den Augen. Das war schön 🙂

    Auf Madeira warnt ein Mann freundlich vor einer Stufe am Eingang Gang der Kirche als ähnlicher Job. Er bekam auch etwas von mir. Weißt du, wie viele Stufen ich schon übersehen habe? Außerdem ist es kreativ und besser als nur „haste mal ’nen Euro?“ zu fragen.

    Super Aktion! Ich hätte und habe es in der Vergangenheit genauso gemacht – denn ich glaube ganz fest daran, dass positive Sachen in so kleinen Aktionen anfangen und dann um sich greifen 🙂

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