[Leben] Was bedeutet Unerzogen? Ist das etwas für uns?

Ich verfolge schon länger unterschiedliche Erziehungsansätze, da es mich einfach interessiert und ich gerne mehr darüber erfahren würde. Es gibt ja nichts, was es nicht gibt. Hauptsache man kann es irgendwie benennen. Spannend wird es dann, wenn man beginnt sich für sich Informationen herauszufiltern, wie man es sich für seine Familie auch vorstellen kann. Denn ich bin noch nie der radikale Typ gewesen, sondern kombiniere gerne verschiedenen Sachen. Manche Waldorf Ansätze finde ich gut, ebenso geht es mir mit Montessori. Aber mich komplett festlegen? Nein.

Unerzogen – Beziehung statt Erziehung

Ich ertappe mich immer öfter dabei, wie ich besonders beim Thema „unerzogen“ hängen bleibe. Was das ist? Ganz ganz kurz gesagt: Man verzichtet auf die Erziehung, stellt stattdessen die Beziehung in den Fokus und hört auf, Grenzen zu ziehen, die nicht notwendig sind, nur weil man es ja eigentlich so macht. Ungefähr genau so habe ich auch geschaut, wie ihr gerade, als ich darüber las. Wie soll das laufen? Ohne Erziehung? Die Fragezeichen über meinem Kopf waren mehr als präsent.

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Unerzogen leben, verlangt ein hohes Maß an Flexibilität, denn hier ist viel Empathie gefragt und Einfühlungsvermögen. Unerzogen leben bedeutet nicht, dass euer Kind alles darf. Es geht viel mehr darum, herauszufinden, warum es denn gerade unbedingt xy machen möchte. Was ist der eigentliche Wunsch dahinter und kann man darauf eingehen, um dieses Bedürfnis zu befriedigen?
Denn sind wir mal ehrlich: wie schnell rutscht einem ein nein raus? Vielleicht auch aus purer Bequemlichkeit? Und das ist der Punkt, weswegen ich mich näher damit beschäftigt habe.

Künstliche Grenzen und warum sie absolut nicht notwendig sind

Es ist 18:30 Uhr. Um 19:30 Uhr gehen die Kids ins Bett und das kleine Mädchen möchte kneten. Was sagen wir meistens? Nein jetzt nicht mehr. Es ist schon zu spät, was natürlich in Frust beim Kind mündet, den man sich absolut sparen kann.
Das ist aber, wenn man mal ehrlich ist, totaler Quatsch. Nur weil es „bald“ ins Bett geht? Zu Mal das Zeitempfinden ja auch sehr unterschiedlich ist.
Diese künstlich erzeugte Grenze hat mir meine „Ruhe“ auch nicht erhalten. Ganz im Gegenteil. Das Einzige was ich nicht machen muss, ist Knetreste vom Boden aufsammeln. Aber ist es nicht genau das? Das ist eine Grenze die schlussendlich wirklich niemandem von uns etwas gebracht hat.
Grenzen aufzeigen. Ja. Ich wiederhole mich, aber ich vergleiche es ja gerne nach wie vor mit einem Boxring und den elastischen Seilen. Aber kann man das nicht optimieren? Gibt es nicht schon viele natürlichen Grenzen, an denen man nicht rütteln kann? Rote Ampeln zum Beispiel. Oder das man sich im Auto anschnallen muss. Im Prinzip könnt ihr hier jedes beliebige Beispiel einsetzen, wo es einfach gefährlich ist. Und zwar lebensgefährlich und nicht weil wir glauben, dass es fürs Kind noch gefährlich sein könnte. Unerzogen leben bedeutet keinesfalls, sich auf Grund dessen Gefahren auszusetzen. Aber es bedeutet, meiner Interpretation nach seinem Kind mehr zuzutrauen. Nicht umsonst spricht man gern vom kompetenten Kind.

Warum ich den Begriff unerzogen nicht mag

Das Wort unerzogen finde ich sehr irreführend. Denn ich habe mir da etwas anderes vorgestellt und nichts, was schlussendlich die Beziehung in den Vordergrund rückt, das Vertrauen zueinander stärkt und man nicht versucht einen kleinen Menschen mit künstlichen Grenzen zu formen. Julia von gute Kinderstube hat es ziemlich gut auf den Punkt gebracht und ich bin da ganz bei ihr: das Wort unerzogen gefällt mir einfach nicht. Bedürfnisorientiertes Handeln würde ich es, genau wie Julia, eher nennen. Jeder achtet auf die Bedürfnisse des Anderen, schließlich geht es ja genau darum, wie ich eingangs schrieb. Außerdem stimme ich der unerzogen Bewegung auch nicht gänzlich zu, da ich glaube, dass manchmal eben doch mehr Hilfestellung notwendig ist, als es die unerzogen Bewegung vorsieht. So verstehe ich es zumindest.

Fazit

Wie bei allen Sachen im Leben, muss man den richtigen Weg und die richtige Dosierung für sich finden. Wo spricht jemand von einer künstlichen Grenze und wo geht es wirklich nicht weiter? Ich finde zum Beispiel nicht, dass man ab einem bestimmten Verständnis des Kindes mit dem Essen matschen muss. Wo man dann allerdings hinterfragen kann, ob das Kind evtl. Lust hat einen Teig zu kneten und beim Kochen mehr mit einbezogen werden möchte, für diese Sinneserfahrung.

Ich merke im Alltag insbesondere mit der Großen, dass so mancher Tag nur aus Grenzen besteht und ich mich frage, wieso das so sein muss. Nur auferlegt, weil man das halt so macht? Versteht mich nicht falsch. Ich möchte, das meine Kinder bitte und danke sagen, sie wertschätzend mit anderen Menschen umgehen, aber auch offen und positiv durchs Leben gehen, ohne in ein Förmchen gedrückt zu werden, weil es die Gesellschaft so vorsieht.

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Wir werden das hier auf jeden Fall neu überdenken, immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass man für sich die Waage finden muss, wie man es handhaben möchte. Das Thema Schlaf würde hier meine ganz persönliche Grenze sprengen, wenn die Kinder selber entscheiden dürften, wann sie ins Bett gehen. Abends ist unsere Zeit als Paar und auch braucht jeder von uns diese Zeit für sich. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt: Die eigene Grenze. Alles kann in dem Maß in einem Erziehungsstil stattfinden, wie es allen gut tut. Das ist zumindet meine Meinung. So bin ich nach wie vor der Meinung, es darf und muss in der Familie Regeln geben. Aber auch das ist wieder Auslegungssache. Nennen wir die Regel doch einfach Leitlinie, auf der man balanciert. Manchmal schwankt man eben. Keine Seiltänzerin tanzt ohne Fehler auf dem Seil. Und so hinterfragt man: Ist das nun wirklich schlimm?

Kleiner Disclaimer: Ich bin absolut kein Experte, was dieses Thema betrifft. Ich wollte lediglich meine Gedanken dahingehend teilen und meine Interpretation dessen. 

Jetzt seid ihr aber gefragt. Erzählt doch mal, wie handhabt ihr das? Lebt ihr nach einem Erziehungskonzept? Findet ihr das alles Quatsch? Ich freue mich auf einen regen Austausch.

 

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Gegen Abend bricht die Zeit an, hier ist es meist gegen 17/18 Uhr, wo man deutlich merkt, dass die Kinder anfangen, ihren Tag Revue passieren zu lassen. Besonders beim Abendessen. Wir sitzen zusammen, essen gemeinsam…

5 comments

    Ich hab zum gleichen Thema auch geschrieben, aber ich bin mit meinen Gedanken noch nicht fertig und hab es noch nicht veröffentlicht. Ich muss noch drüber sinnieren;-). Das Thema finde ich sehr schwierig und megaspannend! Aber in einem Punkt kann ich Dir jetzt schon 100 Prozent zustimmen: Das Wort „unerzogen“ stört mich total.
    Liebe Grüße
    Katharina

    Direkt vorneweg: Ich mag den Begriff „unerzogen“ auch absolut nicht. Man kann nicht Nicht-Erziehen, egal wie man es dreht und wendet – und die Hardcore-Unerzogen-Fans, die meinen, dass jegliche Form von Erziehung „Gewalt“ darstellt (durchaus schon so gelesen in diversen FB Diskussionen), kann ich tatsächlich auch nicht ernst nehmen.
    Ich würde dieses „Konzept“, wie du es beschreibst, auch eher in die AP-Ecke stecken bzw eben als „Bedürfnisorientiert“ bezeichnen. Und so erziehe ich meine Kinder auch – wir achten auf die Bedürfnisse aller, aber (und das ist wohl der gr. Unterschied zu vielen „unerzogen Familien“): Ich bin nicht die beste Freundin meiner Kinder, ich bin ihre Mutter. Sie sollen mir vertrauen können, so wie ich ihnen auch vertraue und ihnen gewisse Dinge, ihrer Reife usw entsprechend, zutraue (da sogar durchaus sehr viel!). Aber sie brauchen einen Halt, jemand, der eben auch sagen kann, was geht und was nicht – denn, bei aller Liebe: Meine Kinder können gewisse Dinge einfach noch nicht selbst einschätzen und bestimmen. Daher sehe ich es als meine Pflicht an, dies für meine Kinder zu tun – ihnen zu Liebe! Ich diskutiere zB nicht über das Verhalten im Straßenverkehr, oder über Körperhygiene. Natürlich können sie entscheiden, ob sie Baden oder Duschen wollen – aber Zähneputzen MUSS sein, Haare kämmen MUSS sein, usw…
    Und grade im Hinblick auf meinen Sohn (Autist) muss ich klare, strikte und verständliche/sinnvolle Regeln setzen – ein „ist halt so!“ versteht er nunmal nicht bzw würde ihn verwirren. Aber von unsinnigen Regeln habe ich eh noch nie viel gehalten 😉 wir laufen zuhause ZB barfuß, Tim mag eh keine Socken und hier ist es nicht kalt. Also zwinge ich die Kids nicht, Pantoffeln zu tragen, nur „weil man das so macht“. Aber im KiGa gelten da halt andere Regeln, da trägt er dann auch Pantoffeln (und versteht auch, warum er das dort machen muss )

    Nun ja… Ich mache einfach so, wie ich es für uns für richtig halte. Ich finde auch einige Aspekte der Waldorf- und Montessori-Erziehung super, also baue ich sie hier und da mit ein (kommt meinem Autisten auch zu Gute! Das Strukturierte von Waldorf, das kreative Selbstständigkeitfördernde von Montessori usw…). Aber ich gebe dem ganzen nun keinen Namen, ich mache einfach, hinterfrage hier und da, und es läuft 🙂

    Liebe Grüße!

    Ganz, ganz toll hast du das geschrieben, liebe Tanja! Dein Boxring mit den elastischen Seilen habe ich für meine Erziehung genauso übernommen. Auch finde ich es sehr wichtig, nicht immer nein zu sagen, weil sich etwas so und so gehört oder eben nicht gehört. Jeder muss für sich herausfinden, was für einen als Familie, Paar und ICH wichtig ist. So macht es das Zusammenleben nicht nur einfacher, sondern es macht so viel mehr Spaß, wenn man mit einer Portion Gelassenheit, Entspanntheit, Zuversicht und Vertrauen an die Sache herangeht. Alles Liebe, Katja

    Liebe Tanja,

    da triffst Du ja bei mir aktuell genau ins schwarze. Ab und an sitze ich neben mein Sohn und schäme mich, weil er so laut und überhaupt nicht auf mich hört. Ja, ich zwinge mich dazu, die Situation anders zu bewerten und sehe ich andere Kinder gelingt es mir auch meistens, aber es ist ein Weg – eine Reise dorthin.

    Ich denke, ich werde mir mal zur Aufgabe machen – einen Tag nur „ja“ zu sagen. Mal schauen, was passiert. Ich danke Dir auf jeden Fall für diesen tollen Artikel.

    Deine Alina

    Wir erziehen nach keinem bestimmten System, aber es gibt Regeln in der Familie, die einzuhalten sind. Mein Mann und ich ticken da sehr gleich. Dazu kommen Umgangsformen, Höflichkeit, Bitte und Danke … was sicher bei vielen auch so ist. Mittlerweile lese ich auch mal den einen oder anderen Erziehungsratgeber, mehr aus Interesse von mir. Wenn uns da etwas zusagt oder mal ein Thema anspricht, übernehmen wir das auch für uns. Am meisten angesprochen hat mich bisher Montessori. Dazu kommen bei uns noch ein paar familiäre Besonderheiten wie Frühchen und Hochsensibilität. Und der Rest ist Bauchgefühl und Erfahrungswerte. Kinder sind ja keine Maschinen.

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