[Leben] Wenn der Start holprig verläuft

Wir befinden uns auf der Zielgeraden, Richtung Geburtstag Nummer vier unserer großen Tochter. Und endlich fühle ich mich bereit euch  mehr oder weniger ausführlich über unsere Anfangszeit mit ihr als Baby etwas zu schreiben. 
Man erwartet ein Baby und hatte bereits eine nicht wirklich schöne Schwangerschaft. Ich musste ab der 26. Woche liegen und bin nur aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen oder um die Mikrowelle zu betätigen, wo mein Mann   morgens etwas aus dem Tiefkühlfach deponiert hatte. Ich habe mich absolut daran gehalten und war sehr gewissenhaft. 
Dann endlich kam unsere Tochter und ich war so glücklich und stolz, diese schwierige Zeit überwunden zu haben. Dieses Spiel mit der Angst und den Sorgen war schrecklich. 
Nach einer absolut schönen und komplikationslosen Geburt war sie da. Unsere wunderschöne Tochter, mit diesen wahnsinnig vielen dunklen Haaren und der zuckersüßen Schnute. 
Bereits im Krankenhaus hatten wir kein Baby, was trank und schlief und einfach zufrieden war. Das es das gibt und dass auch Babys erst einmal ankommen müssen, das war mir nicht fremd und ich habe es nicht besorgt festgestellt, sondern einfach zur Kenntnis genommen. Doch es wurde immer schlimmer. 
Das Schlafentzug als Foltermethode galt, ist ja nicht unbekannt. 
Er kann zu Reizbarkeit, Halluzinationen und Konzentrationsstörungen führen. Um mal wenige Beispiele zu nennen, die keine Neuigkeit sein dürften. 
Dennoch gehört Schlafentzug zum Elterndasein dazu. Mal mehr mal weniger. 
Bei meiner Tochter habe ich im ersten halben Lebensjahr maximal zwei Stunden am Stück geschlafen. 
ich erinnere mich daran, dass ich manchmal durch den Tag wankte. Sie gehörte ja zu den sogenannten Schreikindern, auch wenn ich diesen Ausdruck nach wie vor nicht mag. Zuerst dachten wir nur an Anpassungsstörungen, 3 Monatskoliken usw. 
Sie schrie, wenn sie keinen Körperkontakt hatte und abgelegt wurde. Es gab keinen normalen Alltag .Ich aß mit Baby in der Trage, ich wusch mit Baby in der Trage, ich machte alles mit ihr in der Trage. Sie schlief, wenn sie schlief, nachts auf mir, manchmal ließ sie auch meinen Mann zu. Schrecklich lange fünf Monate war das so. Ich weiß, dass es auch noch ganz andere Zeiträume gibt. Aber das war bedingt dadurch, dass mein Mann berufsbedingt nicht immer zur Stelle sein konnte und wir keine Familie vor Ort haben, lange genug. ich bin noch immer fasziniert, wie sehr der Körper im Modus „Funktion“ doch einfach weitermachen kann. Denn tagsüber war es nicht damit getan, dass ich schlafen konnte, wenn sie schlief. Sie schlief einzig allein in der Trage. Und so kannte ich irgendwann jeden Zweig, jedes Blatt und jedes Blümchen am Waldrand. 
Jeder noch so kleine Reiz brachte das Fass zum Überlaufen und ich schottete mich immer mehr ab. Erstens habe ich keine großartigen Gespräche führen können, auf Grund der Müdigkeit und zweitens war ich nur an einem interessiert: Ruhe. Ganz viel Ruhe. 
Und ich wollte keine Sprüche hören, die in diese Richtung gehen:
  • Du verwöhnst das Kind, lass es schreien, es möchte nur deine Aufmerksamkeit und du fällst drauf rein. 
  • Du bist selber Schuld, dass die Kleine immerzu weint. Du trägst sie ja auch dauernd, da kann sie nicht zur Ruhe kommen.
  • Also so schlimm kann es nicht sein, stell dich nicht so an. 
Ich habe mir das Buch „So beruhige ich mein Baby“ gekauft und hatte das Gefühl allein durchs Lesen Unterstützung zu erfahren und versucht Tipps umzusetzen. Ohne Erfolg.
Wir wurden in einer Schreiambulanz vorstellig und haben uns dort auch Hilfe gesucht, um dort aber nur die Tipps zu erhalten, die ich in dem Buch schon gelesen hatte. Aber das machte nichts. Wir wurden ernst genommen. Und das war wichtig!
Ich habe selten darüber geklagt, wie es mir zu der Zeit ging. Ich habe auch fast nie geweint, auch dazu war ich zu müde. Das Einzige was für mich zählte, war auf mein Gefühl zu vertrauen, dass mein kleines Mädchen nicht weint, weil sie mich ärgern möchte, sie das aus Boshaftigkeit tut. Mein Gefühl hat mir gesagt, dass da etwas Anderes im Argen liegt. Das sie Schmerzen hat. Da wir nun mal selber nicht ganz falsch auf diesem Gebiet sind und aber dennoch noch mal unsere Kinderärztin haben schauen lassen, war sehr schnell klar, dass es körperlich nichts gibt, was sie beeinträchtigt. Natürlich war es schön dies zu hören, aber ich war dennoch traurig. Wieder nichts. Wieder nichts Greifbares, warum mein Kind den ganzen Tag und die halbe Nacht weinen muss, manchmal sogar ganz heiser. Ob sie 3 Monatskoliken hatte kann ich euch nicht sagen, da sie ja sowieso ständig weinte und mit Sicherheit auch dadurch Bauchschmerzen hatte. 
Eine sehr gute Freundin erzählte mir von einer Bekannten, die eine ähnliche Situation bewältigt hat. Sie waren beim Osteopathen. Mir war bis dahin nicht so ganz klar, was dieser eigentlich genau macht. Als ich mich dann schlau gemacht habe, um was sich ein Osteopath kümmert und die Schreierei immer mehr zunahm (sie wollte sich sicherlich ja auch mal bewegen, nur weinte sie dann noch mehr, wenn sie lag), so sehr ich auch versuchte sie zu akzeptieren und anzunehmen, erinnere ich mich daran, als wäre es gestern gewesen, wie ich zu meinem Mann sagte: Es muss jetzt was passieren oder du musst dir unbezahlten Urlaub nehmen. Ich kann nicht mehr. 
Er weiß, wie es um meine Nerven bestellt ist und wusste, dass ich das absolut ernst meine. Auch für ihn war es belastend, mich damit Tag für Tag allein zu Hause zu lassen. 
Ich griff zum Telefon und rief besagten Osteopathen an und mir stockte der Atem, als er sagte: Es tut mir Leid, ich habe erst in drei Monaten wieder freie Termine. Da ich meine ganze Hoffnung in diesen Anruf gelegt habe, konnte ich nicht anders und musste weinen. Dazu hörte er meine Tochter im Hintergrund schreien. So schrill, wie sie es immer tat. Er überlegte kurz und bot mir an, dass ich (wir hatten Mittwoch) am Freitag Nachmittag nach seinem letzten Termin kommen dürfe. Ich habe wieder geweint. Vor lauter Dankbarkeit. Ich rief meinen Mann an und berichtete ihm davon, damit er schauen konnte, dass er seinen Dienst tauschen kann. Er wollte gerne mitkommen, um zu sehen, was dort mit unserer Tochter gemacht wird, da er Bedenken hatte. 
Endlich war er da. Der Freitag. Wir fuhren in die Praxis und er schrieb eine Anamnese auf, fragte, wie die Schwangerschaft verlief, und nickte die ganze Zeit. Er konnte anhand meine Schilderungen sagen, was seiner Meinung nach das Problem ist. Da waren wir baff. Aber erst einmal hieß es abwarten. Er erklärte uns, was er nun mit ihr machen würde und das es wichtig sei, dass wir nicht eingreifen und er uns hinterher alles erklären würde, wenn währenddessen noch Fragen auftreten würden, da er sich für die Behandlung voll und ganz auf unsere Tochter konzentrieren möchte. Sie lag auf der Liege, dieses kleine Wesen. Sie schrie. Zuerst lag sie auf dem Rücken und er hob ihr Köpfchen und tastete dieses gekonnt ab. Weiter fuhr er die Halswirbelsäule entlang und ging weiter in den Schulter-Nackenbereich. Dann musste sie sich auf den Bauch legen. Er näherte sich der Brustwirbelsäule, nickte uns kurz zu und sagte, nun wird sie so schrill schreien, wie sie es kennen. (Während ich euch das hier aufschreibe, steigen mir Tränen in die Augen, weil ich gerade merke, wie wenig ich diese Zeit verarbeitet habe, da ich einfach nur funktioniert habe.) Genauso war es. An der Brustwirbelsäule waren Wirbel verkantet (ich hoffe, ich gebe das nun richtig wieder), weswegen es kein Wunder war, dass sie Schmerzen hatte, wenn sie auf dem Rücken gelegen hat und es einzig allein etwas besser war, wenn sie in der Trage war. Einfach so tragen reichte nicht. Durch den runden Rücken in der Trage wurde diese Stelle etwas entlastet. Er massierte die betroffene Stelle und tastete aber ebenso die restliche Wirbelsäule ab.  Meine Tochter weinte und ich konnte sie nicht auf den Arm nehmen, ich weinte mit ihr. Als er fertig war, waren auch wir es. 
Der Kopf meiner Tochter war in der Schwangerschaft sehr früh fest im Becken, weil sie schon so tief lag – daher ja auch das strikte Liegen. Das Liegen war ja aber erst die Folge dessen und eine Zeit lang lief ich ja noch normal umher und meisterte meinen Alltag. Er sagt, dass das Liegen noch mehr Verspannungen oder Verkantungen verhindert hat. Denn er erklärte, dass durch die feste Verankerung im Becken, der Druck auf die Hals- und Brustwirbelsäule ausgeübt wird und nicht gleichmäßig aufs Kind verteilt werden kann. Das erscheint mir total logisch. Er gab uns mit auf den Weg, dass wir uns nicht wundern sollten, wenn unsere Tochter nun einfach müde sei und sie nun einfach schlafen würde. Ich dachte mir nur, dass ich mich ganz sicher wundern werde, wenn sie einfach mal schläft. Aber genau das trat ein, was er sagte. Sie schlief. Der Termin war um 17 Uhr und sie schlief bis um 2 Uhr nachts. Immer wieder sass ich neben ihr und schaute sie an, noch nie habe ich sie so lange nicht gehört. Immer wieder musste ich mich vergewissern, dass es ihr wirklich gut geht. 
Am nächsten Tag merkte ich wie müde ich wirklich bin. Kennt ihr das, ihr seid müde und dürft dann endlich mal mehr schlafen? Gefühlt, ist man dann noch müder. So ging es mir. Aber viel wichtiger war der Gedanke: Wie gehts es der Kleinen? Sie war wach und sie schaute. Sie schrie nicht. Sie schaute sich um und sie schien so glücklich zu sein. Zumindest war ich das und versuchte sofort meinen Mann auf der Arbeit zu erreichen, damit ich diesen Glücksmoment teilen konnte. 
Natürlich weinte sie ab und an noch und ich fand auch nach wie vor, dass sie mehr weint, als es andere Kinder von  Freunden taten, aber das ist reine Typsache, wie ich finde. Das ist bis heute so. Wenn auch etwas anders. Aber das ist ein anderes Thema
Wenn sie nun weinte, dann konnte ich die Liste jeder Mama abarbeiten: 
  • Hunger?
  • Windel voll?
  • Nähebedürfnis?
  • Müde?
Sie liebte es mit ihrer Rassel zu spielen, schaute begeistert und fasziniert unseren Katzen zu, lachte und war einfach ein ganz normales Baby. 
Was ich euch mit auf den Weg geben möchte? 
Hört auf euer Gefühl. Ich glaube, dass die Verbindung zwischen Mama und Kind so besonders ist, dass ein Gefühl nicht so falsch sein kann. Haltet daran fest und lasst euch nicht einreden, dass ihr falsch liegt. Steht dafür ein und seid groß. Beschützt euer Kind und zieht die Notbremse, wenn ihr nicht mehr könnt. 
Ich habe sie manchmal für zwei Minuten weinen lassen müssen, und musste einmal kurz die Türe schließen, wenn ich einfach wirklich nicht mehr konnte. Wenn ihr nicht mehr wisst wohin mit euch, dann ist auch das mal in Ordnung. Wer sowas erlebt hat, wird wissen wovon ich rede. Vor allen Dingen nehmt ihr nicht nur euch kurz aus der Situation, ihr schützt auch euer Kind. Nichts ist gefährlicher, als ein verzweifeltes Schütteln des Babys, damit es doch endlich ruhig ist. 
Wir hatten großes Glück, dass diese unfassbar kräftezehrende Zeit „nur“ fünf Monate dauerte und uns ein Osteopath helfen konnte. Ich weiß auch, dass es da ganz andere Erfahrungsberichte gibt und nicht immer Jemand von aussen helfen kann. Dafür bin ich sehr dankbar und weiß dies sehr zu schätzen. 
Ich hoffe, euch hiermit Mut machen zu können. Ihr seid nicht allein, wenn es euch auch so geht oder erging. 
Auch wenn unser Anfang steinig war. Wir sind fest verbunden und das bald vier Jahre. 
Voller Dankbarkeit und Liebe, 
Tanja

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13 comments

    Ich habe Tränen in den Augen… Und kann was du geschrieben hast so gut nachvollziehen!
    Ich musste während der Schwangerschaft unseres Großen zweimal mit Blutungen liegen, er weinte die ersten 5 Monate sehr sehr viel, ich bin stundenlang mit ihm umher gelaufen, auch nachts. Er hatte auch ganz schlimme Probleme mit der Verdauung. Wir haben auch einen Osteopathen aufgesucht, unser Besuch lief ähnlich ab wie eurer. Auch der Anruf gleicht deinem. Danach wurde es schlagartig besser!!
    Heute kämpfen wir mit anderen Problemen, wissen nicht ob sie mit der Zeit zusammenhängen oder ob es einen anderen 'Namen' hat.
    Vielen Dank für diesen Bericht, es lässt zwar ganz viele Gefühle wieder hochkommen, aber zeigt eben auch, dass man nicht allein damit war…
    Danke!!
    Liebe Grüße,
    Sarah

    Verdauungsprobleme hatte sie auch, bzw hatte sie noch lange danach. Und auch heute ist sie sehr schnell reizbar. Welche Probleme genau meinst du? Wir gehen fest davon aus, dass sie hochsensibel ist. Genau wie ich. http://www.rougerepertoire.com/2015/05/leben-mir-ist-das-zu-laut-uber.html Darüber habe ich hier geschrieben. Wenn dir das hier zu öffentlich ist, darfst du mir auch gern mailen und wir können uns austauschen. rougerepertoire@gmail.com. LG Tanja

    Ich bin erst 23 und bei mir dauert es sich noch, bis ich Kinder bekomme. Aber dein Bericht hat auch mir Tränen in die Augen getrieben (und das bei der Arbeit, uuups). Danke für diesen tollen Bericht, den ich sicherlich in Erinnerung behalte und daran denken werde, wenn ich evtl. mal in deine Situation o.ä. komme. Ich wünsche dir und deiner Familie alles Glück der Welt für die Zukunft und hoffe, deiner Kleinen geht es gut! 🙂

    Ich schließe mich an, denn auch unsere Tochter hat 6 Monate lang nur geschrieen… Bis wir durch einen Zufall in Dortmund bei einem Orthopäden gelandet sind und der gab uns, nach seiner Behandlung ein "anderes Baby" mit nach Hause.
    Bei Lilith war es das sog. KISS- Syndrom. Leider ist es noch nicht so weit verbreitet und anerkannt, wie die Osteopathie es auch war, aber ich hoffe ganz sehr, dass immer mehr Eltern darüber aufgeklärt werden, denn du hast es schon gesagt: Niemand schreit, weil er jemanden ärgern will, oder weil er es so toll findet…
    Liebe Grüße,
    Alex

    Hallo,
    Meine Töchter sind in etwa so alt wie Deibe und Dein Bericht könnte von mir sein. Ich hatte/habe mit meiner Kleinen auch ein Schreikind, was schlecht schläft. Ich weiß was Euch und vor allem Eurer Großen da abverlangt wurde…
    Auch Dein aktueller Rückblickpost berührt mich sehr…
    Ich wünsche Euch alles Liebe!
    Katrin

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