[Leben] Wieso ich mein Baby verwöhne? Weil das gar nicht geht.

Es ist 12 Uhr. Ich warte in der Physiotherapie Praxis darauf, dass wir bald dran sind. Freundlich werden wir begrüßt und der kleine Mann findet es ziemlich doof auf der Liege zu liegen und nicht mehr ganz nah bei mir zu sein. Er ist drei Monate alt und wird zu dem Zeitpunkt fast ausschließlich von mir getragen, da er das offensichtlich einfach braucht.

Babys verwöhnen?

Eine fremde Umgebung, die Übungen die er machen soll – entgegen seiner Vorzugsseite, die fehlende Nähe. Mir fallen einige Gründe ein, die dafür sorgen, dass er nicht besonders amüsiert ist und schlichtweg weint. Vorsichtig versucht die Therapeutin das Gespräch zu lenken und ich merke schnell, worauf sie hinaus möchte. „Das wird spannend“, denke ich. Und dann kam der Satz auf den ich förmlich wartete:

„Meinen sie nicht, wenn sie ihn immer tragen, verwöhnen sie ihn viel zu sehr? Da ist es ja fast kein Wunder, wenn er dann jetzt weint. Und für sie ist diese Belastung auch nicht gut.“

Ich atmete zwei Mal tief ein und aus, damit ich mich zuerst einmal sortieren konnte. Dann erklärte ich ihr, dass ich da anderer Meinung bin und denke, dass man Babys nicht verwöhnen kann. Keiner kann mir erzählen, dass ein drei Monate altes Baby, was komplett auf uns angewiesen ist, absichtlich schreit. Natürlich trage ich mein Baby, wenn es das braucht. Hinzu kommt, dass ich das ziemlich praktisch finde und es auch einfach gerne mache.

„Es fängt mit dem Tragen an und endet damit, dass alle in einem Bett schlafen. Wie soll man den Kindern denn angewöhnen, dass sie alleine einschlafen sollen, wenn man sie jeden Abend ins Bett bringt?“

Ha! Mein Thema. Es brauchte sechs Jahre und keine Träne und das große Mädchen schläft trotz täglicher Einschlafbegleitung ganz problemlos mittlerweile auch alleine ein. Sie sind nur einmal klein und für mich ist dieser Prozess einfach nichts Schlimmes.

„Ja aber das Baby. Wie soll es denn lernen, dass es nicht immer getragen wird?“

Erstens: Wieso sollte es das Baby jetzt lernen müssen? Und zweitens: Es ist wenn überhaupt mein Problem. Ich missioniere auch nicht und lasse andere Leute ihr Ding machen. Ich bleibe fest dabei, dass ein Baby nicht verwöhnt werden kann. Oder sagt man das in anderen Ländern auch, wo Babys fast ausschließlich Traglinge sind, weil es einfach das Natürlichste der Welt ist? Ich glaube ja, dass Menschen hier oft Angst davor haben, zu viel Kontrolle abzugeben. Natürlich freue ich mich, wenn gerade zu Hause das Baby auch mal nicht in der Trage schläft, sondern auch einfach mal in der Federwiege oder im Bettchen. Aber ich beschwere mich nicht darüber, wenn es anders ist. Es ist ein Wesen, was wenige Wochen auf dieser Welt ist. Wie kann man denken, es würde irgendwas böswillig tun? Es sucht Nähe und die kann es bekommen.

Bildrechte: Halfpoint/Shutterstock

Früher war es anders – so wie es heute anders ist  – zum Glück

Holt man einmal aus, weiß man woher dieser Ursprungsgedanke kommt, man dürfe Babys und Kinder ja nicht verwöhnen. Sie sollen schließlich nicht weich sein, sondern etwas taugen. In den 40er Jahren wurde genau das propagiert und bis heute steckt es scheinbar noch immer zum Teil in den Köpfen der Menschen fest. Oder wieso kommt man sonst heute auf die Idee, dass das Baby, wenn es schreit, nicht aus dem Bettchen genommen werden soll, es sei denn die nächste Mahlzeit steht an?

Schaue ich mir meine Mädchen heute an, dann weiß ich, dass wir alles richtig gemacht haben, indem wir ihren Bedürfnissen nachgekommen sind und dies auch noch tun. Die Große wurde sehr lange getragen, die Kleine nicht. Beide sind dennoch zwischendurch bockig oder „benehmen sich auch mal daneben“. Was das Eine mit dem Anderen zu tun hat? Es ist dieser Irrglaube, dass Kinder sich mit Sicherheit „schlecht“ verhalten, wenn man sie von Anfang an zu viel verwöhnt hat.

Lasst euch nichts einreden und handelt so, wie ihr es für richtig haltet. Man kann Babys nicht verwöhnen, sie kommen nicht als schlechte Menschen zu uns und manipulieren uns. Sie kommen zu uns und brauchen uns. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass insbesondere die Menschen, die sagen man verwöhne das Baby durch bestimmte Handlungen, genau diejenigen sind, die sagen: „Heute machen mir mal das Verwöhnprogramm mit Massage und Sauna.“ Denn verwöhnen ist nichts Anderes als die Seele zu streicheln und gut zu sich oder in dem Fall zu eurem Baby zu sein. Man muss es einfach nicht negativ behaften, sondern kann es durchaus positiv betrachten: ich behandele mein Baby so, wie ich auch behandelt werden möchte: mit Liebe.

Alles Liebe,
Tanja

 

Facebooktwitterpinterest

[Leben] Babyupdate #4 – Endlich angekommen

Vier Monate ist unser kleiner Löwenjunge nun bei uns. Mit aller Kraft hat er sich in unseren Alltag gekämpft. Das mag seltsam klingen, aber so fühlt es sich rückblickend an. Er brauchte einfach seine Zeit,…

[Leben] Babyplanung und Kinderwunsch – gut versorgt in eine wichtige Zeit starten

Anzeige Wisst ihr noch wie aufregend die Zeit war, in der ihr euch damit auseinandergesetzt habt, eine Familie gründen zu wollen? Möchte man geplant schwanger werden, dann ist es sinnvoll gut informiert in die Babyplanung…

8 comments

    Wunderbar geschrieben und du sprichst mir aus der Seele. Wie oft musste ich mich schon rechtfertigen, dass ich unsere Tochter verwöhne, da sie die meiste Zeit getragen wird und sich (häufig) auch zum Schlafen am Tag nicht ablegen lässt. Sie ist jetzt 20 Wochen alt und sie braucht eben im Moment noch diese Nähe. Die Zeit, in der es anders sein wird, kommt früher oder später. Wenn man ehrlich ist, ist es doch die kürzeste Zeit im Mamaleben, in der einen die Kleinen so sehr brauchen. Ich kenne keine Erwachsenen , die immer noch von ihren Mamas getragen werden 😜.

    Ich habe selbst noch keine Kinder, lese aber schon lange deinen Blog…Ich würde fast alles genau so, oder ähnlich machen wie du und dein Mann, ich werde richtig sauer wenn ich so Reaktionen von manchen Menschen lese… oder wenn ich manchmal Aussagen höre wie „das baby muss auch mal schreien dass es dies oder das lernt“ WIE BITTE? Dieses kleine Würmchen, das braucht einen und schreit wie du schreibst doch nicht in böser Absicht….denke auch man muss da bedürfnisorientiert handeln und du machst das genau richtig..!!!
    Liebe Grüße, Carolin

    Danke für diesen tollen Beitrag! Sehr schön geschrieben und die Bestärkung meiner Ansicht. Ich habe immer wieder Situationen in denen gesagt wird, dass wir sie ja verwöhnen, wenn wir dies oder jenes machen. Da werde ich mir deine Argumente mal im Hinterkopf speichern. 🙂
    Darf ich dich als erfahrene Mami mal noch was fragen? Wir wollen im Dezember mit unserer dann 4 Monate alten Tochter zu meinen Eltern fahren. Diese wohnen jedoch 500km entfernt. Ich überlege nun, ob ich lieber mit dem Zug fahren soll, damit ich sie eben zwischendurch auch mal rausnehmen kann aus dem Wagen. Das geht ja im Auto mit der Babyschale nicht. Oftmals fängt sie eben im Auto an zu weinen und ohne sie zu stillen oder auf den Arm zu nehmen beruhigt sie sich nur schwer. Meine Mutter meint, sie müsse da eher durch. Bin nun sehr hin- und hergerissen. Würde mich sehr freuen, wenn du mal deine Meinung mit mir teilst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.